Wahrheit, Lüge und Internet, Teil 1

Falsche Fachleute, Pseudo-Zeitungen, jede Menge Falschinformationen: Was ist denn da los in den USA? Und was machen Amerikaner*innen, um verlässliche Informationen aus dem Internet zu fischen? Das wollte ich im Podcast mal eben rausfinden. Bis ich rausfand: Mal eben, das geht gar nicht. Deshalb hat’s diesmal gedauert. Drei Gäste helfen uns auf dem Weg durch den Informationsdschungel: die Medienforscherin Kristy Roschke, der Kommunikationswissenschaftler Tim Levine und die Medienrechtlerin Ellen Goodman. In diesem ersten von zwei Teilen begegnen uns Marsmenschen, eine betrügerische Sonnenbank, eine renommierte Romanverschwörung … und erstaunlich viele ehrliche Leute. Plus jede Menge Infos für euch – los geht’s:

Die Gäste dieser Podcastfolge

Ellen Goodman ist Juraprofessorin und Mitbegründerin des Rutgers Institute for Information Policy and Law and der Rutgers Universität in Camden (New Jersey). Derzeit forscht sie unter anderem bei der Digital Innovation and Democracy Initiative des German Marshall Fund über Desinformation.

Timothy R. Levine ist Kommunikationswissenschaftler an der Universität von Alabama in Birmingham. Er erforscht, wie Menschen einander täuschen, und hat dazu eine Theorie veröffentlicht: die Truth Default Theory.

Kristy Roschke ist Leiterin des News Co/Labs an der Arizona State University in Phoenix. Die Frage, wie wir uns in der digitalen Welt besser zurechtfinden, beackert sie sowohl im Bildungswesen als auch mit der Presse. Ihr Labor hat einen Kurs in Medienkompetenz entwickelt, der auch der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Fake News, Desinformation, Fehlinformation, Propaganda: Alles gelogen im Internet?

Was zählt, ist die Absicht. Wie sie den Unterschied zwischen Desinformation und Fehlinformation bestimmt, erklärt dieses Online-Lexikon hübsch anschaulich.

Mein Gast Tim Levine ist der Ansicht: Die meisten Menschen sind ehrlich – und sie lügen nur, wenn sie einen guten Grund dafür haben. Eine Fülle von Details aus seinen Forschungsthemen findet ihr in dieser Übersicht. Zur Truth Default Theory hat Tim Levine inzwischen auch ein Buch veröffentlicht. Es heißt “Duped” (das bedeutet: reingelegt).

Hilfsmittel für den Faktencheck

Vorab ein Hinweis, den mein Gast Kristy Roschke uns mit auf den Weg gibt: Auf keins dieser Tools sollte der Mensch sich blindlings verlassen. Da schließe ich mich an. Aber als Denkanstoß und für eine erste Orientierung finde ich sie hilfreich.

Eine unglaublich (haha!) lange Liste mit Werkzeugen zum Überprüfen von Nachrichten und Beiträgen auf sozialen Netzwerken bietet die Journalist Toolbox. Unter den Tools sind zum Beispiel auch Prüfmöglichkeiten, ob Bilder aktuell sind oder wirklich von dem Ort, von dem sie angeblich sein sollen. Sehr beliebt zum Nachschlagen von seltsam erscheinenden Behauptungen ist Snopes – vielleicht weil dort dazu gleich eine ganze Geschichte erzählt wird.

Newsfeed Defenders ist ein Spiel, bei dem ihr (auf Englisch) üben könnt, Falschinformationen zu entlarven. Es stammt von Factcheck.org, das außerdem zusammen mit seiner Schwesterseite SciCheck jede Menge Faktenchecks veröffentlicht und auch Fragen annimmt.

Die “Habt ihr schon gehört?”-Beispiele vom Anfang des Podcast habe ich aus dem Google Fact Check Explorer, den ich mit Vorsicht nutzen würde – mir jedenfalls wird immer wieder schwindlig davon. Denn: Das Tool bombardiert mich mit Falschinformationen, von denen ich bislang nicht ahnte.

First Draft News arbeitet mit Redaktionen, Unis und sozialen Organisationen zusammen. In deren Abteilung Trainings findet ihr nicht nur ebensolche, sondern auch eine Liste mit Factchecking-Tools fürs Smartphone.

Der Media Bias/ Fact Check bewertet, wo eine Quelle politisch steht, wie sachlich und akkurat deren Berichterstattung ist. Ich nutze sie öfter mal als Startpunkt einer Recherche, weil sich dort auch viele obskure Quellen finden. Allerdings muss man das Suchfenster erst mal finden – die Website ist voller nerviger Werbung.

Der Newsroom Transparency Tracker zeigt, wie weit bekannte Nachrichtenmedien ihre Leser*innen wissen lassen, welchen ethischen und journalistischen Regeln sie folgen, wer ihre Besitzer*innen sind und so weiter.

Eine Fülle an Corona-Falschinformationen

Das Technology and Social Change Project am Shorenstein Center der Harvard Universität befasst sich mit Medienmanipulation – und das schließt soziale Netzwerke (social media) ein. Im Media Manipulation Casebook zeigen die Forscher*innen um Joan Donovan, wer und was hinter ganz verschiedenen Fälle von Medienmanipulation steckt – und mit welcher Taktik die Menschen da in die Irre geführt werden. Da hab ich mich übrigens bei der Aufnahme versprochen. Ich sag “Handbook”. Au weia. Als ob das eine Gebrauchsanweisung wäre!

In einem Kommentar in “Nature” äußert Joan Donovan im April 2020 ihre Meinung über Corona-bezogene Website-Domains und nennt Beispiele zur Verbreitung von Falschmeldungen zu diesem Thema.

Der Cybersecurity-Dienstleister Domaintools beobachtet den Wandel im Markt der Corona-Domains seit Dezember 2019 und veröffentlicht täglich aktualisierte Daten dazu. Im Frühjahr 2020 tun sich (anonyme) Computerfachleute und Freiwillige zur COVID-19 Cyber Threat Coalition zusammen, um neue Domains mit Corona-Bezug daraufhin zu untersuchen, was die Websites so vorhaben. Demzufolge kamen in Spitzenzeiten 5000 neue Websites pro Tag hinzu.

Ein Beispiel im Podcast ist ein berühmt-berüchtigtes Video. Die Behauptungen des „Plandemic“-Videos aus wissenschaftlicher Sicht erläutert das Magazin „Science“, das auch die Arbeit der angeblichen Expertin Judy Mikovitch veröffentlicht hatte und nun noch einmal beleuchtet. Eine ausführliche Analyse von „Plandemic“ hat Marianna Spring gemacht, eine Reporterin des britischen TV-Senders BBC, die auf Desinformation spezialisiert ist.

Kommt nicht im Podcast vor, empfehle ich aber als spannende Lektüre: Im März 2020 hat die NBC-Reporterin Brandy Zadrozny rausgefunden, wem wohl die Website coronavirus.com gehört (und wer sie auch gerne hätte).

Falschinformationen als Goldgrube

Eine Geschichte im Podcast dreht sich um den Alternativmediziner Joseph Mercola. Vielleicht glaubt er ganz fest an die Heilsversprechen, mit denen er seine Gesundheitsprodukte verkauft. Das ist ja sein gutes Recht. Allerdings bekommt er immer wieder Ärger mit den US-Behörden, denn in puncto Gesundheit stößt vollmundige Werbung an Grenzen. Hier könnt ihr zum Beispiel nachlesen, wie die FDA Mercolas Beschreibung seiner Vitaminpillen bewertet.

Wie das Geschäft von Joseph Mercola mit Impfgegner-Kampagnen in den USA verstrickt ist – aufgedeckt von Neena Satija und Lena H. Sun in der „Washington Post“.

Wie Anti-Impf-Websites ihren Besucher*innen das Geld aus der Tasche ziehen, zeigen Rory Smith, Liliana Bounegru und Jonathan Gray in diesem Artikel.

Vom Nachrichtentheater zur gefälschten Lokalzeitung

1938 machte der (damalige) Jungdramatiker Orson Welles mit seinem Radiostück “War of the Worlds” (“Krieg der Welten”) Furore. Es beruht auf einem viktorianischen Roman von H.G. Wells – und hört sich an wie eine Live-Schalte. Bei den Wikimedia Commons könnt ihr euch das im Original hören.

“Lansing Sun” und Konsorten: Was hinter gefälschten Lokalzeitungen im Internet steckt und wie das Tow Center for Digital Journalism an der Columbia-Universität ihnen auf die Schliche gekommen ist, könnt ihr in diesem detaillierten Report nachlesen.

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